Der Autor …. im Interview

Susanne Zimmermann, ehemalige Redakteurin bei Focus, heute freie Journalistin, führte das Interview mit Constantin von Lebour im Januar 2021.

Sie sind ein Spätberufener des Schreibens. Wie kam es dazu?

Das stimmt nicht ganz. Mit vierzehn schrieb ich meine erste Kurzgeschichte. Anlässlich großer Auslandsreisen schickte ich keine Reise-Berichte nachhause, sondern schilderte von meinen Erlebnissen in einem Erzählstil. Im Berufsleben wurden zahlreiche Fachbeiträge von mir veröffentlicht. Da war natürlich eine sachliche Ausdruckform gefordert. Zwei sehr unterschiedliche Pole also. Mit Mitte fünfzig unternahm ich schließlich einen ersten Anlauf für meinen ersten Roman. Das Schreiben wurde mehr und immer mehr mein Thema.

Aktuell liegt Ihr erstes Buch, Kaleidoskop, vor. Das zweite, Vom Jungen, der kein Kind sein wollte, in das ich schon hineinlesen durfte, folgt im Frühsommer. Das Kaleidoskop umfasst zwei Generationen. Das zweite Buch blickt noch eine Generation weiter zurück. Wieso diese zeitlichen Spannweiten?

Es sind die Menschen und ihre Leben, die mich interessieren. Die Geschichten erzählen von den Hintergründen, die Menschen veranlassen sich an Gewohntes zu klammern und was sie bewegt, sich auf Veränderungen einzulassen oder gar dafür zu kämpfen. Wie im echten Leben auch sind die Protagonisten geprägt von ihrer familiären Herkunft. Im Kaleidoskop ist es erfahrene Fürsorge, die die Figuren antreibt auf Abstand zu gehen. Die gesellschaftlichen Umwälzungen ab den 1960er Jahren sind hier prägend. Im Vom Jungen, der kein Kind sein wollte löst eine sinnentleerte Erwartung der Pflichterfüllung die Sehnsucht nach Zugehörigkeit aus. Die erniedrigenden und moralisch tabuisierten Lebensumstände der 1930er und 40er Jahre bilden die Grundlagen für die Lebensumstände der Protagonisten während der Wirtschaftswunderjahre und den folgenden Dekaden. In beiden Geschichten sind das spannende Gegenpole, die manchmal auch widersprüchlich sind.

Beide Bücher warten mit sinnlichen Schilderungen auf und mit der tragischen Folge eines amourösen Abenteuers. Sex sells. Geht es nicht ohne?

Die Menschheit ist die einzige Spezies, in der Sex nicht mehrheitlich der Reproduktion dient, genauso wenig, wie Essen und Trinken nur zum Überleben erfolgt. Beides, Sex sowie Essen und Trinken, sind von Freude, Lustbefriedigung und Begehren getrieben – und im besten Fall von Liebe beseelt. Diese Gemengelage ist der Stoff, aus dem seit den griechischen Sagen Theaterstücke, Opern, Bücher oder Filme gesponnen werden.

Die romantische Liebe in unserem heutigen Verständnis ist ein Kulturgut der Neuzeit. Die Sehnsucht nach Liebe und die enttabuisierte Sexualmoral sind heute Bestandteil des Alltags unserer Gesellschaft. Beide Romane erzählen Lebensschichten, die eben auch Begehren umfassen.

Erwartet Ihre Leserschaft nicht sogar Sinnlichkeit in Romanen?

Die Figuren der Geschichten sind so überraschend und vielseitig wie das Leben. Das drückt sich auch in ihren unterschiedlichen sinnlichen Stimmungen in ihren verschiedenen Lebensabschnitten aus. Neulich erzählte mir eine Leserin, dass ein als sinnlicher Roman ausgewiesener Bestseller mit ihr etwas über das Leseerlebnis hinaus gemacht habe, worauf sie das Buch ihrem Partner empfahl. Der konnte ihre Begeisterung aber nicht teilen.

Geschichten werden aus individuellen Blickwinkeln wahrgenommen. Jede Leserin oder jeder Leser fiebert vielleicht mit unterschiedlichen Protagonisten mit. Was die einen begeistert, hinterlässt bei anderen keine Spuren - so wie bei dem erwähnten Paar. Sinnlichkeit ist nicht gleich Sinnlichkeit - und nicht jedes Genre bietet für jede Leserschaft einen Anker.

Ist das Gegenstück zur Liebe, das Verbrechen, auch ein Sujet, das sie reizt?

Die ewigen Gegenspieler der Liebe sind die Zurückweisung, die Eifersucht und der Neid. Sie gelten als häufige Motiv für Gewalt und Verbrechen. Daraus lässt sich literarisch vieles entwickeln. Die große Beliebtheit von Kriminalromanen, aber auch von Gewalt verherrlichenden Filmen oder Videospielen, verdeutlicht das Publikumsinteresse. Die Welt des Verbrechens, von Rachegelüsten, heimtückischen Morden und blutigen Massakern, oder von begabten bösen Buben, die die Welt mit Internet-Attacken an sich reißen wollen, ist aber nicht meine. Dieses Genre beherrschen andere besser.

Dürfen ihre Leserschaft bald ein weiteres Buch von ihnen erwarten?

Derzeit arbeite ich an einem Roman mit dem Arbeitstitel Abgleich. Die Geschichte spielt in der Gegenwart mit - wie könnte es anders sein - Rückblicken. Sie beleuchtet das Leben zweier Frauen in ihren Fünfzigern, die sich zufällig begegnen. Ihre jeweilige Herkunft könnte nicht unterschiedlicher sein. Dennoch verbindet sie Vieles.

Was haben sie in letzter Zeit gelesen, was ihnen besonders zugesagt hat?

Meist lese ich mehrere Bücher gleichzeitig. Darunter auch gerne Neuauflagen von lang vergriffenen Ersterscheinungen. Gut gefallen haben mir die Novelle Hintergrund für Liebe, von Helen Wolff, und der Roman Das Herz ist ein einsamer Jäger, von Carson McCullers. Unter den Neuerscheinungen in 2020 findet der Band Abschiedsfarben von Bernhard Schlink meine Begeisterung. Das Genre Kurzgeschichte war bisher nicht meins. Das hat sich mit Abschiedsfarben grundlegend geändert.

Sie schreiben unter einem Pseudonym. Warum?

Es ist nur ein halbes Pseudonym. Nur der „Lebour“ ist erfunden. Der Rest steht so in meiner Geburtsurkunde. Mein tatsächlicher Familienname taucht im Literaturbetrieb des zwanzigsten Jahrhunderts verschiedentlich auf. Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, ich springe auf diesen Zug auf.